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Die folgende Kurzgeschichte aus der Anfangszeit des Berliner Tangos erscheint hier anlässlich der "Projekt-Kooperation Buch-Trilogie" zum Tango in Berlin mit der Redaktion der ersten internationalen Tangobuchreihe "Tango Global" beim Münchner Allitera Verlag. Sie erschien bereits in Band 1 (Dez. 2014/ ISBN 978-3-86906-698-1). Dieser fokussiert den lokalen Themenschwerpunkt "Tango in Berlin – Geschichte, Entwicklung und Gegenwart der Berliner Tango-Szene", welcher auch die nächsten beiden Bände thematisch bestimmen wird. Mehr dazu hier >>.

Sur - Süden

Gastbeitrag von Ralf Sartori

Sur von Fernando E. Solanas hatte ich irgendwann in den Achtzigern im Yorck-Kino, in der Gneisenaustraße in Kreuzberg-61 gesehen. Der Film und die -Musik, vor allem ein Tango mit gleichnamigem Titel, lenkten meine Wege um; seitdem sind Jahre vergangen. "Nie wieder werde ich mit den Sternen unseren klaglosen Weg durch die Nächte von Pompeya beleuchten. Die Straßen und die Monde des Vororts und meine Liebe und dein Fenster."

Es ist einer dieser typischen Wintertage in Berlin, an denen man nicht wirklich sagen kann, ob es schon Abend ist oder erst Nachmittag, der Himmel bewölkt oder nur dunstig. Ein dämmriges und auf der Zunge beim Atmen leicht herb schmeckendes Sepia hält seit Wochen die kalte Luft durchdrungen, im Griff, und das gefilterte Halblicht erzeugt die melancholische Dunstglocke, in der sich die Gedanken gerne im kleiner werdenden Kreis nach innen verdichten, um dort miteinander zu tanzen. Im Auto läuft Tango.

An der nächsten Ampel hole ich die Kassette raus und wickle schnell mit dem Bleistift das Band ein weiteres Mal straff, das der Recorder immer wieder einzieht. Geschafft, die Lieblingskassette ist noch einmal gerettet. Auf dem Weg vom Südstern zu den Yorck-Brücken fahr ich langsam an den Wannen vorbei, mindestens zwanzig vergitterten Polizeibussen. Vor Bolle lagern noch einige Punks, die sich davon demonstrativ nicht aus ihrem Gleichmut bringen lassen, obwohl seit den Unruhen gestern die Atmosphäre angespannt bleibt. Die Straße ist dennoch frei: keine Sperrung mehr. So schaffe ich‘s rechtzeitig zu Michas Kurs in der Weißen Rose beim Schöneberger Rathaus.

Wie freue ich mich! Er ist zurück aus Buenos Aires und hat dort wie üblich seine ganze Kohle für Schellacks, Venyl-Platten (CDs waren gerade erst am Kommen und es gab bislang nur wenig an digital bearbeiteten historischen Tango-Aufnahmen, die dann vorwiegend aus Japan kamen.) Partituren und Unterricht bei Antonio Todaro gelassen. Für eine Choreographiestunde nimmt der Maestro zu diesem Zeitpunkt fünf Dollar. Er war beinah in Vergessenheit geraten, wie der Tango selbst. Etwa zehn Jahre später werden manche seiner Schüler, bekannt geworden in den einschlägigen internationalen Shows, schon um die zweihundert für eine Privatstunde verlangen.

Micha ist Ur-Berliner, einer der dort aufgewachsen und geblieben ist. Für Tango lebt und brennt er, aber auch als Bläser, von Ska, der schnellen Musik der britischen Vorstädte, mit ihren jamaikanischen Wurzeln. Zu dieser Zeit kann sich noch keiner ausdenken, daß die Arbeit mit Tango irgendwann zu einem Geschäft mit breitem Publikum werden könnte.

In der Regel sprechen wir nicht über das, womit wir uns von früh bis spät alle Tage, jede Woche, beschäftigen. Denn nur allzu oft haben wir diese Reaktionen schon erlebt, dass die Leute dann sagen „Was, Tango?“, um sich gleich grinsend die imaginäre Rose zwischen die Zähne zu klemmen und mehr oder weniger unbeholfen die Haltung einzunehmen, die das Klischee des Standard-Tangos ausmacht, der mit dem Original so viel gemeinsam hat wie der Kaffee, den Roberto in der Napolitana auf seinem alten Gasherd braut, mit der Instantbrühe im Plastikbecher aus dem Automaten in der Notaufnahme des Urban-Krankenhauses, wohin wir Catalina blutüberströmt brachten, nachdem sie mich angerufen hatte. Sie war beim Einkaufen nichts ahnend zwischen die Fronten geraten und daher nicht weggelaufen, als die SEK-Leute in ihren Turnschuhen angerannt kamen, die man, wenn man das nicht kennt, auch nicht für Polizisten hält.

Zu dieser Zeit ist Rechtsaußen Heinrich Lummer Innensenator, die Bildzeitung hetzt täglich gegen die linken Chaoten, polarisiert die Bevölkerung der Stadt, und so etwas wie Deeskalations-Strategie scheint noch nicht einmal als Fremdwort im Denken der politisch Verantwortlichen vorzukommen – im Gegenteil: Hartes Vorgehen ist gewollt, Eskalation liefert die Rechtfertigung dafür, befeuert von Polizeiprovakateuten auf den Demos. (Vor nicht allzu langer Zeit war anläßlich des Reagan-Besuchs in Berlin ein Demonstrant von einem Polizeipanzer überrollt und getötet worden.)

Catalina hat die Militärdiktatur in Argentinien mit Glück und Vorsicht überlebt. Dort kannte sie sich aus; hier wußte sie nicht, worauf zu achten ist. Gestern hat sie dazugelernt. Der Schock durch die Schlagstöcke und Tritte, darüber, daß das hier auch passieren kann, dürfte die schlimmere Wunde sein. Zum Glück hat sie es noch bis zu einer Telefonzelle geschafft.

Roberto, der mit dem guten Kaffee, steht jeden Abend hinter der Theke im „El Parron“, einem kleinen chilenischen Lokal mit hervorragender karibischer Küche und den besten Steaks der Stadt, in der Carmerstraße, etwa eine Zigarettenlänge und zwei überfließende Erinnerungen an Tänze in seinem Lokal von der Parisbar entfernt, wo es uns zum Ausklang des Abends öfter hinzieht, wie auch viele der Kellner und Barkeeper der Stadt nach Schichtende (Zu dieser Zeit kellnere auch ich noch im Bouvril am Kudamm).

"Nostalgias de las cosas que han pasado, arena que la vida se llevó, pesadumbre de barrios que han cambiado …” (Sehnsucht nach den vergangenen Dingen,/ Sand, den das Leben forttrug,/ Kummer über die Stadtviertel, die sich geändert haben...)

Daß Süden (span. Sur) ein Zustand ist, keine Himmelsrichtung, habe ich gelernt. So sitze ich auch heute oft noch an einem der Tische der Parisbar oder im El Parron, das es mittlerweile ebenfalls nicht mehr gibt, zurück in der Zeit, als die Stadt noch Biotop und Paradies für Künstler, Romantiker, Exilanten und diverseste Verrückte war – paradoxerweise im Schutz und Schatten einer traurigen Mauer –, bis mich etwas von dort wieder in die Gegenwart zurückholt, den Norden, wo kühler Kommerz und sogenannte Investoren unaufhaltsam die letzten Reste des Wirklichen im Urbanen hinwegkonsumieren.