Auf Einladung des Simone Weil Denkkollektivs/Berlin reiste Fraktalwerk im Frühjahr 2026 nach Genf, in den Pavillon Simone Weil, um mit mehreren Arbeiten an der temporären soziale Skulptur und Kunstinstallation des Künstlers Thomas Hirschhorn teilzunehmen. An mehreren Tagen zeigte dort die Tänzerin und Choreographin Libertad Esmeralda Iocco Tanzperformances zum Thema Arbeit, Schwerkraft und Geste.
Schwerkraft ist für Simone Weil eng mit der physischen und sozialen Realität der menschlichen Arbeit verbunden. Körperliche Fabrikarbeit hat sie selbst als puren, unverstellten Vollzug dieser Schwerkraft erlebt: die Härte der Materie, den Zeitzwang, die Erschöpfung und die Entwürdigung, auf ein bloßes Werkzeug reduziert zu werden.
Arbeit, Schwerkraft und Traum
Libertad Esmeralda Ioccos Tanzperformances im Pavillon Simon Weil zeigen den „Nachmittag eines endlosen Tages“. Eine Frau, ein Stuhl – und Gebrauchsgesten des Alltags: das rhythmische Tippen auf der Schreibmaschine, das Hin- und Herschieben des Stuhls. Sie zeigen die ermüdende Arbeit, die, nur unterbrochen von Fitness-Übungen zur Erhaltung der Arbeitskraft, keine andere Pause kennt, als das Kollabieren auf dem Stuhl und das Hinabrutschen auf den Boden.
Wenn die Tänzerin dann doch aus dem Blaumann steigt, den gelben Schutzhelm ablegt und im Trikot zu tanzen beginnt, dann sind dies andere Bewegungen… Vielleicht liegt es am Zusammenschnitt mehrerer Tänze, aber fast scheint es so, als träume die erschöpft auf dem Stuhl Hängende…
Die Geste: Eine Untersuchung
In Libertad Esmeralda Ioccos Performance Der Nachmittag eines unendlichen Tages erscheint für einen kurzen Augenblick eine Bewegung, die sich von den sonst aufgegriffenen alltäglichen Gesten unterscheidet. Die Tänzerin hebt den rechten Arm und streckt ihn senkrecht nach oben aus. Der Zeigefinger streckt sich ebenfalls. Für einen Moment entsteht die Haltung einer anderen Performerin, die ihre Perfomance-Serie ebenfalls auf dem Garagen-Campus zeigt. Die Tänzerin gibt der künstlerischen Arbeit von Marlen Wagner, die diese in ihrer Performance-Serie „Dies ist keine Zeigegeste!“ betreibt, Resonanz. (…)
Die Geste erscheint zunächst in ihrer bekannten Form. Der Arm hebt sich. Der Finger richtet sich nach oben. (…) In dem Augenblick, in dem die Beobachtenden die Geste verstehen, verändert sie Libertad Esmeralda Iocco. Der Finger bleibt ausgestreckt, doch seine Richtung kippt. Er weist nicht länger nach oben. Er beschreibt eine kleine Bewegung und richtet sich auf den Kopf der Tänzerin selbst. Für einen Augenblick schlägt das Zeigen in eine Umadressierung um. Die Geste verweist nicht mehr auf etwas außerhalb, sondern auf diejenige, die sie ausführt. Kurz darauf löst sie sich wieder auf und verschwindet im Fluss der übrigen Bewegungen.
Gerade diese kleine Verschiebung zeigt: Die Geste wird nicht als Zeichen verwendet. (…) Die Geste wird untersucht.
Robert Krokowski, Signatur und Geste, 2026 (Auszug)
